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| DAS
EWIGE LIED |
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Märchen aus dem Buch "Indianermärchen" von Karl
Knortz
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Es war Abend geworden, und auf das Indianerland senkte sich eine
so finstere Nacht, dass sich niemand aus seiner Behausung wagte. Nur
der Wind heulte in den fernen Bergen. Und dennoch war auf dem Pfad
längs des Schlangenbaches etwas in Bewegung. Behutsame, lautlose
Schritte: Die Dakota waren unterwegs. Die kleine Schar der Krieger
hatte es eilig, denn sie wollte noch vor Tagesanbruch den Feind
überraschen... Die Männer schwiegen. An der Spitze und an den
Flügeln wurde der Trupp von Wachkommandos behütet. Endlich
verlässt der Schlangenbach die unwirtliche Gegend und führt in ein
Wäldchen. „Hier wollen wir Rast machen“, sagte der Häuptling,
ohne wie bisher seine Stimme zu dämpfen. „Macht ein Feuer an,
hier sind wir in Sicherheit“. Im Nu war ein Haufen Holz und
trockenes Gras herbeigeschafft und ein Feuer angezündet. Die
Krieger setzten sich ringsherum und machten es sich bequem. Einige
flickten an ihren zerrissenen Mokassins, andere prüften ihre Bogen,
Pfeile und Tomahawks, und wieder andere machten das Abendessen
zurecht. Unterdessen erzählten die Ältesten von vergangenen
Schlachten und unvorstellbaren Heldentaten: Wie ein wunderkräftiger
Talisman manch einem das Leben gerettet hatte, wie ein Pfeil von
einem Zaubersäcklein in das Herz dessen zurückgelenkt wurde, der
ihn abgeschossen hatte, wie schöne Mädchen aus dem Reich der
Schatten kamen, um die tapfersten der Krieger in eine Welt zu
führen, aus der es kein Zurück mehr gibt. Auch das Feuer hörte diesen Geschichten selbstvergessen zu, während es eine geruhsame Rauchsäule in das grüne Astwerk hinaufschickte. Aber plötzlich - ein silberhaariger Indianer hatte sich eben zu einem feierlichen Gebet erhoben, sprühte die Flamme zischend auf, und auf die im Kreise Sitzenden schoss ein Funkenregen nieder. Und in diesem Augenblick klang unweit von ihnen ein Lied auf, das von den Bäumen zu kommen schien. Die Stimme wurde nach und nach stärker, erfüllte dann mit einer langgezogenen Melodie den ganzen Wald, ebbte wieder ab und verschmolz schließlich mit dem in den Zweigen klagenden Singen des Windes. „Sofort das Feuer löschen!“ gebot der Häuptling mit gedämpfter Stimme und schritt, den Bogen schussbereit, in die Finsternis. Da lugte, wie gerufen, der Mond hinter den Wolken hervor. Sein fahler Schein ließ die weißen Stämme der Bäume deutlich hervortreten. Die Männer schlichen geräuschlos durch das weiche, feuchte Gras und spähten in die Schatten der krummen, im Winde schaukelnden Äste. Der geheimnisvolle Gesang riss nicht ab. Es dauerte nicht lange, und die Männer wussten, dass er von einer großen, buschigen Ulme am Ende des Wäldchens kam. Enger und enger schloss sich der Kreis der Krieger. Das wundersame Lied schwang sich noch einmal bis zu den höchsten Tönen empor, dann brach es ab und verstummte ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte. Die Indianer traten ganz nahe an den alten Baum heran. Ihre Blicke glitten über den rissigen Stamm und blieben dann an den verworrenen Wurzeln haften. Dort lag ein Häuflein gebleichter Knochen, die von einem unbekannten Krieger stammen mochten. Neben dem Schädel moderte ein zerbrochener Bogen, und unweit davon lagen zwei Pfeile. „Hier ist ein Krieger gefallen, der sein Leben für andere geopfert hat“, sprach der Häuptling. |
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